VERWEIGERUNG

Noch in den Weihnachtstagen hat man mir eine Frage gestellt, die ich am liebsten weit wegschiebe: Wieso geben Sie diesen Menschen die hl. Kommunion? Diese Menschen sind solche, die nicht so zusammenleben, wie es die Lehre der Kirche fordert. Kurz gesagt alle, die nicht in einer katholischen Ehe leben. Sie leben in schwerer Sünde. – Jetzt nicht gleich aufregen und aussteigen, sondern weiterlesen! – Wer aber in schwerer Sünde lebt, darf nicht die Kommunion empfangen; er muss erst bereuen und beichten. Die Frage, die man mir gestellt hat, ist also berechtigt. In anderen Worten lautet sie: Wie ist das mit der Lehre der Kirche?

Meine Antwort: Ich verweigere diesen Menschen nicht die Kommunion, weil ich im Studium gelernt habe, dass man im Moment der Kommunion keinen Skandal macht. Man stellt Menschen nicht öffentlich bloß und blamiert sie nicht. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie zur Kommunion gingen und der Priester würden Ihnen vor allen Leuten sagen: „Sie nicht!“ Ich mache das manchmal in der Malteser-Kirche und zwar dann, wenn jemand im Moment der Kommunionausteilung bei der Tür hereinkommt, nach vorne eilt und sich mit anstellt. Da sage ich: „Tut mir leid, die Kommunion kann nur empfangen, wer die Hl. Messe mitgefeiert hat.“ Denn die Kommunion ist Teil der Messe. Ich gebe auch einem Kind, das zu jung und noch nicht auf die Kommunion vorbereitet ist, nicht die Hostie. Selbst dann, wenn die Mutter des Kindes es wünscht. Dass die Mutter dann ihre Hostie dem Kind weiterreicht (so in Mailberg passiert), ist… bodenlos. Es gibt also Grenzen.

Es gibt einen zweiten Grund, weswegen ich die Kommunion nicht verweigere: Ich weiß nichts. Ich weiß nur: Da leben zwei im selben Haus. Mehr weiß ich nicht. Ich spekuliere nicht, ich bin in Mailberg weder der Polizeikommissär noch die Tratschkathl am Eck. Ich verdächtige nicht und ich klage nicht an. Richter bin ich erst im Beichtstuhl. Dort aber auch Arzt und Vater. Fragen Sie die, die schon bei mir beichten waren.

Was wäre mit der Verweigerung gewonnen? Dass mich konservative Kreise für einen guten Priester halten? Glauben Sie wirklich, das sei mein Ziel? – Zu einer Verweigerung müsste das Gespräch kommen. Ich müsste mit denen reden, die zu Unrecht zur Kommunion gehen. Das tue ich nur selten. Warum? Weil ich zu faul und zu feige bin. Weil ich so viel anderes zu tun habe. Und weil diese Menschen mir in aller Regel nicht signalisieren, dass sie zu einem Gespräch bereit wären. Sie fragen mich nichts. Erzwungene Gespräche funktionieren selten. Ich müsste vielleicht mutiger sein; die Menschen aber müssten Fragen stellen, sich selbst und mir. So käme man gut ins Gespräch. Doch solche Gespräche sind nicht erwünscht. Erwünscht ist eher ein Pfarrer, der angesoffen beim Heurigen sitzt und Schmäh führt. Das nennt man heute „nahe bei den Menschen“.

Ein zweiter Grund, warum ich nur selten die Initiative zu einem Gespräch dieser Art ergreife: Es sind zu viele. Streng genommen geht die Mehrheit zu Unrecht zur Kommunion: geschiedene und wieder verheiratete; solche, die zusammenleben, ohne kirchlich geheiratet zu haben; auch die, die am Sonntag nur selten in die Messe gehen und das nicht beichten; alle, die überhaupt nie beichten; alle, die eine schwere Sünde begangen haben und nicht gebeichtet haben. Eine schwere Sünde ist das, was man freiwillig, bewusst, in einer wichtigen Sache, womöglich hartnäckig und öffentlich gegen das Gebot Gottes tut. Und es ist ein Gesetz der Kirche, dass jede und jeder einmal im Jahr das Sakrament der Versöhnung empfangen muss. Ich überlege sogar: Müsste ich einem 14-Jährigen, von dem weiß, dass er nicht an Gott und Christus glaubt, nicht auch sagen: Ich kann dir die Kommunion nicht geben? Kurz: Wo anfangen mit der Verweigerung? Und vor allem: wo aufhören?

Warum greife ich nicht durch? Weil die Mehrheit gedankenlos zur Kommunion geht. Den Menschen ist gar nicht klar, dass sie dabei etwas Ungutes tun. Und denen soll ich vor den Augen aller anderen sagen: nein? Ich müsste doch vielmehr mit dieser Mehrheit ins Gespräch kommen, um Klarheit zu schaffen und den Ernst der Kommunion zu vermitteln. Ich müsste viele auf einen Missstand aufmerksam machen, von dem sie bisher gar keine Vorstellung hatten. Ich müsste dabei ihren Lebensentwurf in Frage stellen, mich massiv in ihr Leben einmischen. Wetten, dass ich auf Anhieb 20 Familien gegen mich hätte und die Pfarre in Aufruhr? Wie sähe da meine weitere Arbeit bei Ihnen aus? Ich hätte Recht gehabt und stünde allein in der Kirche, na, toll! Ich hätte die Gemeinde gegen mich und keinen einzigen Oberen hinter mir. Weil die Dechanten, Generalvikare, Weihbischöfe, Erzbischöfe, Päpste nämlich alle wissen, wie die Lehre der Kirche lautet, daran auch kein Jota ändern wollen, aber gleichzeitig voraussetzen, dass der Pfarrer vor Ort klug genug ist (in Kirchenkreisen nennt man das gerne „barmherzig“), die Lehre nicht durchzusetzen. Wenn, dann nur sehr vorsichtig, in vielen, vielen Jahren und kleinster Dosierung. Die allermeisten Pfarrer werden in dieser Zeit müde und lassen es, wie es eben ist. Manche leiden blutig daran, manche sind traurig, viele werden Komplizen. Generationen lang waren die Pfarrer Gesinnungstyrannen, die sich in alles einmischten bis hinein in die Politik und ins Ehebett. Dann, in den 70er-Jahren, kam die Wende. Gründliches Studium, Kenntnis der Lehre? Zu hoch! Lebensfern! Tiefes Gebetsleben? Elitär! Sektiererisch! Was bleibt? Unernst. Die Priester wurden augenzwinkernde Komplizen. Bei der Jause nach der Konferenz wird leicht geseufzt, bei den Leuten wird gelächelt: „Passt schon! Nicht zu ernst nehmen! Der Pfarrer von X ist streng? Dann geh zum Pfarrer von Y!“ Ich nenne das: frivol. Ich will keine frivole Kirche.

Ich wünsche mir, dass wir alle nach der Lehre der Kirche leben – und das gerne und mit Verstand. Darauf arbeite ich hin. Aber ich fange nicht damit an, indem ich die Kommunion verweigere. Ich achte die Lehre die Kirche, aber auch Sie alle und Ihren Lebensentwurf. Wer immer von mir fordert, die Lehre der Kirche um jeden Preis, überall, sofort durchzusetzen, den kann ich nur warnen. Ich kenne die Lehre der Kirche ziemlich gut. Es könnte also leicht sein, dass die Schärfe dieser Lehre auch über den hereinbricht, der mir mit solchen Forderungen kommt. Ich soll geschiedene Wiederverheiratete oder praktizierende Homosexuelle öffentlich verurteilen, ihnen die Kommunion verweigern, dem 20-Jährigen aus gutem Hause, der sich durch alle Betten schläft, aber väterlich zuzwinkern? Vor der Lehre der Kirche ist auch er ein Sünder. Alle leben gegen die Lehre der Kirche, alle haben ihre Brüche. Ich habe ja auch einmal versprochen, bis zum Tod im Kloster zu bleiben und das Versprechen dann gebrochen. Vielleicht sollten wir alle den Ball flach halten und uns gegenseitig helfen. Aber sich selber bei den Einwandfreien einzuordnen ist halt: leider geil.

Und nun ein praktischer Tipp zum Schluss: Reden Sie mit mir! Lassen Sie die Dinge Ihres Lebens nicht einfach wie sie sind. Wir könnten zum Beispiel klären, ob Ihnen der Empfang der hl. Kommunion wirklich wichtig ist oder ob Sie bis jetzt halt „einfach so“ nach vorne gingen. Wir könnten klären, ob sich an Ihrer Lebenssituation überhaupt etwas ändern ließe. Sie haben vielleicht zusammen mit ihrem Partner ein Haus gebaut, Sie haben Kinder bekommen und Ihr Partner will partout nicht kirchlich heiraten. Denken Sie ernstlich, ich würde Ihnen sagen: Ja, dann müssen Sie sich halt trennen? Oder Sie haben es immer wieder mit Beziehungen versucht und es ist immer wieder schief gegangen; dabei haben Sie solche Angst vor dem Alleinsein! Denken Sie ernstlich, ich würde Ihnen sagen: „Sie müssen alleine bleiben, die Gnade wird Ihnen schon helfen“ und Sie dann stehen lassen? Ich überlege mir sehr gut, von wem ich dieses Alleinsein um der Lehre der Kirche willen verlangen kann und von wem nicht. Ich frage mich nämlich: Was kann der Mensch vor mir? Was hat er verstanden? Fanatiker scheren alle über einen Kamm. Ich tue das nicht. Es geht doch immer auch darum, die Lebensgeschichte des Einzelnen zu achten. Das und vieles andere mehr könnten wir in einem Gespräch klären. Und vielleicht wäre es Ihnen dann wohler mit Ihrer Kirche, wer weiß?




IHRE PFARRE IN DEN NÄCHSTEN TAGEN

(Gottesdienstordnung angepasst an die aktuellen Corona-Regeln. Schade, dass man in der Kirche nicht Ski laufen kann)

Sonntag, 10.01.2021 - Fest der Taufe des Herrn

voraussichtlich keine Hl. Messe in Mailberg

Samstag, 16.01.2021 - Vorabend des 2. Sonntags im Jahreskreis

17:00 Uhr
Pfarrmesse
Auf Bitten von Frau Wally-Gogl beten wir besonders in ihren Anliegen.
Für die weiteren Termine warten wir auf die nächsten Anweisungen von Regierung und Bischofskonferenz. Wenn Sie Ideen haben, wie wir sinnvoll weiter tun können und wie ich zwischen Malteserkirche in Wien und der Pfarre Mailberg am besten vermittle, sagen Sie es mir oder wem vom Pfarrgemeinderat. Derzeit ist (fast) nichts in Stein gemeisselt. Durchhalten!


Predigten: http://www.malteserorden.at/category/predigt/ – Seit Mai gibt es einen Audio-File. Sie können die Predigten jetzt nachlesen und hören!

Erreichbarkeit: Homepage der Pfarre: www.pfarremailberg.at – Ich bin telefonisch zu erreichen unter 01-512 87 90. Wegen der Messen in Wien vormittags erst ab ca. 10 Uhr; abends nach Möglichkeit bis 20 Uhr. Donnerstags ist mein freier Tag; da bin ich nicht zu sprechen. – Ich habe ein neues Telefon, das keine Anrufe verzeichnet. Ich kann also nicht wie früher zurückrufen.

UND: Ich freue mich immer über eine Tasse Kaffee nach der Messe.

Ich denke viel an Sie alle! Ich wünsche Ihnen eine glückliche Weihnachtszeit!

Ihr
Christoph Martin, Pfarrmoderator von Mailberg